Sammlung Batthyàny: Es grünt so grün

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Philip Batthyány hat den BMW-Virus, so scheint es, mit der Muttermilch aufgesogen. Schon in frühester Kindheit war er infiziert, zählte die Wagen mit dem stilisierten Propeller und der Niere auf der Straße, sammelte Prospekte und fertigte Fotoalben an, in die er ausgeschnittene Bilder der BMW-Limousinen und -Coupés der 1970er und 1980er Jahre mit Pritt-Stift einklebte und die Typenbezeichnung mit noch ungelenker Kinderschrift und dem Pelikan-Füller schrieb. An einem BMW-Autohaus kamen seine Eltern mit ihm nur schwer vorbei. Das eint ihn mit vielen seiner Generation, die ein Faible für eine Automarke entwickelten, meist für die, die der eigene Vater fuhr (oder fahren sollte). Heute ist Batthyány habilitierter Sozialphilosoph. Gerade arbeitet er an einem Buch über den griechischen Philosophen Thrasymachos, einen Gegenspieler Platons. 

Der Grundstein seiner BMW-Sammlung aus den 1960er, 1970er und 1980er Jahren ist ein grüner BMW 525 – ohne i, also mit Vergaser-Motor. “Grün ist die Farbe, die sich hervorragend eignet, die Modellpolitik von damals anschaulich zu machen. In der Palette der Grüntöne jener Jahre von den auffälligen Unilackierungen Mint- und Zederngrün der kleinen Modelle (1502/316) über das eher warm-gesättigte Turmalingrün der oberen Mittelklasse (525) bis zur zeitlosen Eleganz eines Zypressengrüns (728i) spiegelt sich die innere Vielfalt der Marke”, sagt Batthyány. Komplettiert hat er seine Kollektion mit einem  2.5 CS Coupé in Taigametallic, einem 3.3 Li in Resada-Metallic, dem damaligen Spitzenmodell der Marke, und einem 635 CSi, der bis Ende der 1980er Jahre produziert wurde. 

BMW hatte sich damals wie seine Kunden positioniert: als Marke für Aufsteiger. Wer oben war, fuhr Mercedes-Benz. Wer nach oben wollte, wählte BMW. Die prägnanten Doppelscheinwerfer machten die noch raren Wagen gemeinsam mit der Doppelniere, die einst allein der Frischluftzufuhr für den Kühler diente, zum Gesicht in der Menge. Einen BMW konnte fast jeder fahren: 1502 und 316 entstanden aus dem Widerspruch zwischen Ölkrise und Industriegesellschaft. Sie markierten einst das untere Ende der Modellpalette. 

Batthyánys Sammlung ist epochal. Sie ist eine Hommage an die klassische Moderne, die Ende der 1980er Jahre ihr Ende fand. Sie steht für eine Zeit, in der Schulen und Sparkassen mit Sichtbeton dem Brutalismus frönten und das futuristische ICC entstand, in dessen Zufahrt er seinen 7er in Szene setzt. Seine Wagen werden vorsichtig und wenig bewegt, meist auf dem Weg zu einem neuen Motiv, das dieser Epoche illustriert. Bis in die Typographie hat er den damaligen Auftritt der Marke BMW nachempfunden. 

Die kühle Eleganz verlieh die Düsseldorfer Werbeagentur Spiess und Ermisch dem Auftritt der Marke BMW. Oft präsentierten sie die Wagen elegant vor futuristischen Kulissen, die den unbedingten Fortschrittsglauben jener Zeit symbolisierten. Und das weltweit: Was hierzulande “Aus Freude am Fahren” hieß, wurde im angloamerikanischen Sprachraum “Sheer driving pleasure” genannt: Was zählte, war die Lust an der Dynamik. 

Zu Beginn der 1970er entstand im Münchner Norden das Münchner Olympia-Gelände, das mit dem von Günter Behnisch entworfenen, kühnen Zeltdach des Olympiastadions und den reduzierten Piktogrammen Otl Aichers die Botschaft eines leichten, modernen Deutschlands in die Welt trug. Am Rande des Ensembles entstand gleichzeitig der BMW-Vierzylinder, das 22-stöckige Verwaltungsgebäude des Automobilkonzerns, das einen entsprechenden Motor symbolisiert, obwohl die Bayern schon dabei waren, den Reihensechszylinder zur treibenden Kraft ihrer Modellpalette zu machen. 

Ein regnerischer Tag im September 2016. Ein alter Herr steigt aus dem Fond einer aktuellen 7er-Limousine. Eberhard von Kuenheim (*1928) stand 33 Jahre als Chef des Vorstands oder des Aufsichtsrats an der Spitze des Unternehmens. Was hier zu sehen, entstand unter seiner Ägide – auch Batthyánys sieben grüne BMW. Die stehen an diesem Tag wie an einer Perlenkette aufgereiht vor besagtem Vierzylinder. Als von Kuenheim und Batthyány sich die Hände reichen, wird für den Sammler ein Kindheitstraum wahr. Seine Leidenschaft für BMW wurde entfacht, als er als Zehnjähriger, der den Eltern einen Besuch des BMW-Museums abgerungen hatte, auf der Höhe des Foyers dem damals 50-jährigen von Kuenheim begegnete, der damals schon seit acht Jahren den Konzern geprägt hatte. 

2016 schreiten die beiden Herren schreiten durch die Wagenreihe, und die Kameras der Fotografen klicken. Wegen exakt diesem einen Moment hat der Philosoph seine Sammlung aufgebaut. Aktuell fehlen ihm noch ein 7er (E32) und ein 8er (E31), doch Batthyány hat noch keine passenden Wagen gefunden. Seinen Fortschrittsglauben hat er bei aller Lust zur Retrospektive nicht verloren: Im Alltag ist er in einem Elektro-BMW i3 unterwegs. Grün foliert, denn in der passenden Farbe war das futuristische Elektro-Auto nicht zu haben. 

Carl Christian Jancke

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