Dude-Racing Leipzig: Die klassenlose Gesellschaft

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Die in den vergangenen Jahren durch den strapazierten Begriff “Garagen-Gold” genährte Euphorie rund um den Wert klassischer Sportwagen hatte völlig den Blick darauf verstellt, dass es sich nicht um bloße Spekulationsobjekte handelt, sondern um Fahrzeuge, die allein in Bewegung ihre Faszination zelebrieren und ihre Möglichkeiten ausspielen. Und ihre Eigentümer haben sie meist nicht aus Spekulationsgründen erworben sondern vor langer Zeit. zehn, zwanzig oder dreißig Jahren, um sie pflegen und zu hegen. Vor allem aber, um sie zu fahren. 

Sportwagen wollen bewegt werden. Und das am liebsten in ihrer natürlichen Umgebung: auf der Rennstrecke. Einmal im Jahr treffen sich mittlerweile fast 60, meist luftgekühlte automobile Klassiker auf der Porsche-Teststrecke in Leipzig, um dem Liberalismus zu frönen: Es geht um “freies Fahren” – und nicht um Standesdünkel oder gar Kaufpreise. Fast immer stammen sie aus dem Hause Porsche, jedoch aus unterschiedlichsten Epochen. Auf der Piste lassen sich die Modelle 356, 914, 911, 904, 906 oder 908 jedoch Platz genug: Zu einer Kollision ist es in den zwölf Jahren nicht ein einziges Mal gekommen. Wie die Leistung differieren die Preise, die irgendwo zwischen etwa 20.000 Euro und der Millionengrenze liegen. Trotzdem ist jedem die Bewunderung des anderen sicher. 

Dieter Hatlapa und Marius Mänz, die alljährlich diese illustre Gesellschaft zusammenbringen, geht es allein darum, ihre historischen Sportwagen auf einer Rennstrecke frei von den Zwängen der Straßenverkehrsordnung zu bewegen und dieses Glück mit anderen zu teilen. Mittlerweile ist die Gesellschaft so zusammengewachsen, dass auch manche kommen, deren Autos sich aktuell in keinem fahrfähigen Zustand befinden oder die sie mittlerweile verkauft haben. Und manche Eigentümer bringen ihren Wagen sogar direkt aus Amerika mit. Was hier zählt, ist der Team-Geist. 

Manche Modelle haben ihren Ursprung jedoch nicht in Zuffenhausen, sondern in Wolfsburg. Wie der Decker-Käfer von Volkswagen, dem man seine rund 130 PS von außen nicht ansieht. Doch das Video beweist, dass sie genügen, um flüssig im Strom der Schnellen mitzuschwimmen und kein rollendes Überrundungshindernis darzustellen. Den neben ihm stehenden Porsche 904 degradierte der kraftvolle Käfer zum Statisten, wenn seine Motorhaube im Heck den Blick auf den vom legendären Tuner Theo Decker selbst “frisierten”, wie es damals hieß, Doppelvergaser freigibt. Der 1970er Volkswagen 1302 war dessen letzter Dienstwagen. 

Das britische Wort “Dude” steht für die etwas anrüchige Interpretation der Übersetzung des Begriffs Junggeselle. Diese ironische Bezeichnung steht für das Augenzwinkern, mit dem sich die Truppe gegenseitig nicht allzu ernst nimmt. Am Samstag gibt es eine gemeinsame Ausfahrt zu einem Ausflugsziel rund um die sächsische Metropole, am Abend Benzingespräche im Hotel, das nicht wegen seiner Exlusivität ausgesucht wurde, sondern wegen der Größe seiner Tiefgarage und der Nähe zum Leipziger Porsche-Werk. 

Das ließ der frühere Chef Wendelin Wiedeking vor rund 20 Jahren ohne staatliche Subventionen bauen. Inklusive einer Einfahr- und Prüfstrecke, die der renommierte Rennstrecken-Architekt Hermann Tilke entwarf, indem er den Kurs aus den legendärsten zehn Kurven der berühmtesten Rennstrecken der Welt komponierte: dem Suzuka S (Suzuka/Japan), dem Sunset Bend (Sebring International Raceway/USA), der Loews-Kurve (Circuit de Monaco/Monaco), dem Victoria Turn (Rio de Janeiro/Brasilien), dem Mobil1-S (Nürburgring/Deutschland), der Curve di Lesmo (Autodromo Nazionale Monza/Italien), dem  Bus Stop (Spa-Francorchamps/Belgien), der Suntory Corner (Shizuoka/Japan), der Corkscrew (Laguna Seca/USA) und der Parabolica (Monza). Vor einigen Jahren ist das Karussell (Nürburgring) im Infield hinzugekommen. Corkscrew und Karussell sind aufgrund ihrer Kompression derart anspruchsvoll, dass sie nur im geführten Fahren angesteuert werden. Dabei fahren Instruktoren dem Feld mit ordentlicher Geschwindigkeit voraus und zeigen so, wie man sich auf der Ideallinie bewegt und wo die optimalen Bremspunkte liegen. 

Danach ist für den Rest des Tages “freies Fahren” angesagt. Jeder kann auf die Strecke, wann er will. Dabei sind die Leistungsunterschiede zwischen den 1950er Jahren, den der späteren Jahrzehnte Rennwagen und den letzten luftgekühlten Porsche 993 der 1990er Jahre gewaltig. Das gilt nicht nur für die Beschleunigung, sondern insbesondere für die Bremsen. Zwischen ihnen liegen Welten technischer Entwicklung.

Ab 15 Uhr fahren dann die Trailer vor. Die teuren und seltenen Sportwagen werden behutsam verladen, weil niemand die filigrane Technik dem öffentlichen Verkehr aussetzen mag. Es ist zum einen, zugegeben, ein kostspieliges Hobby, doch zum anderen bewahren die Besitzer dieser Fahrzeuge mit hohem Aufwand einen Teil der Geschichte des Motorsports in lebendiger, aktiver Form.

Von Beginn an bildete der Motorsport die Keimzelle automobiler Innovationen. Die historischen Sport- und Rennwagen legen davon ein vielfältiges Zeugnis ab. Wer sie in Bewegung erhält, erhält Technik- und Industriegeschichte und zeigt anschaulich die historische Herleitung von neuen Klassen wie der aktuellen Formel E. Diese vollelektrischen Rennwagen werden künftig ihren Platz in der Geschichte jedoch erst durch die Relation zu ihrer Vorgeschichte präzise definieren können. 

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